Das bin ich. Woher ich komme.
Teil 1: Von Großeltern, Gastarbeitern, einer Kneipe und dem Menschen, ohne den das alles nicht funktioniert hätte.
Bauern und Schmuggler
Meine Großeltern waren Bauern und Schmuggler. Das eine bedingte das andere.
Wer an der Grenze zwischen Portugal und Spanien lebt und nicht genug hat, der nutzt eben die Grenze. Keine große Ideologie dahinter. Keine politische Aussage. Nur das pragmatische Erkennen, dass Waren auf der anderen Seite manchmal mehr wert sind als auf dieser. Überleben als Geschäftsmodell.
Es ging nicht ums Weiterkommen. Es ging ums Überleben. Das klingt dramatisch. Das war es auch.
Mütterlicherseits: zwei Elternteile, fünfzehn Kinder. Das ist kein Klassenportrait.
Meine Großmutter mütterlicherseits hatte fünfzehn Kinder. Fünfzehn. Ich schreibe das nochmal aus: fünfzehn. Wenn du denkst, du hast einen langen Tag gehabt, schau dir dieses Foto an.
Väterlicherseits hielten sich meine Großeltern mit vier Kindern bemerkenswert zurück.
Bei beiden Familien war die Lage ähnlich: zu wenig Arbeit, zu viele Münder, zu viel Grenze zwischen dem was war und dem was sein könnte. Und dann rief Deutschland.
1968 — Deutschland ruft
Deutschland rief nicht sie persönlich an. Deutschland hatte einfach zu viel Arbeit und zu wenig Leute, die sie machen wollten — oder konnten. Also wurde die Lösung importiert.
Meine Eltern kamen 1968. Als Gastarbeiter. Sie kannten sich nicht — obwohl sie in Spanien gerade mal 80 Kilometer voneinander entfernt gelebt hatten. Achtzig Kilometer. Heute ist das eine Stunde Autobahn. Damals hätte es genauso gut ein anderer Kontinent sein können. Deutschland hat sie bekannt gemacht.
Manchmal denke ich: Ohne die deutsche Arbeitswirtschaft der Sechziger gäbe es mich nicht. Das ist ein seltsamer Gedanke. Ich schreibe ihn trotzdem auf.
Das war noch lange bevor meine Eltern ein Paar wurden. Mein Vater und seine männlichen Verwandten und Freunde — laut, unangepasst, eine Gruppe Spanier, die abends rausging und dabei auf andere traf, die genauso wenig dazugehörten: Jugoslawen, Türken, Portugiesen. Menschen, die alle auf ihre Art neu waren in diesem Land.
Meine Mutter war da anders. Ruhiger. Strukturierter. Aber das Bild war dasselbe: Die Spanier blieben unter sich. Eine Parallelgesellschaft, die viele für ein modernes Problem halten, die es aber mindestens seit den Sechzigern gibt.
Und alle — beide Seiten meiner Familie, die ganze Generation — waren wenig gebildet. Schule war auf dem Hof keine Priorität gewesen. Man half. Man arbeitete. Man überlebte. Lernen war ein Luxus für andere.
Wir lebten in einer kleinen Wohnung. Mit Dusche in der Küche. Wir liefen mit zwei großen Aldi-Tüten durch die Gegend.
— Das ist nicht meine Meinung. Das ist eine Beschreibung meiner Familie.
Ich sage das ganz bewusst. Denn wer sich diese Beschreibung ansieht — kleine Wohnung, Dusche in der Küche, Aldi-Tüten — und heute sagt: „Das sind Menschen, die ich nicht bei mir haben will" — der spricht von meiner Familie.
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir viel besser fahren würden, wenn wir die Energie, die wir aufwenden um Menschen wegzuekeln, stattdessen nutzen würden, um uns mit diesen Menschen auseinanderzusetzen. Gemeinsam voranzukommen. Ich sage das nicht als Politiker. Ich sage das als jemand, der auf dem anderen Foto war.
Das Ergebnis liegt übrigens auf der Hand: Ich bin gut integriert.
Was das über Aldi-Tüten, über Gastarbeiter, über Menschen die nicht ins Stadtbild passen — und über die, die das so sehen — aussagt, überlasse ich dir. Ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern. Delegieren ist eine Führungskompetenz.
Aber es waren nicht alle so. Über die Arbeit fanden meine Eltern Freunde. Menschen, denen es darum ging, sich gegenseitig zu helfen. Diese Menschen haben einen Unterschied gemacht. Einen echten.
Meine Eltern lernten sich also hier kennen. In Deutschland. Weil die Grenze zwischen Portugal und Spanien zu eng war und die zwischen Portugal und Deutschland weit genug.
Die Perez Valences auf Ausflug. Irgendwann in den Achtzigern. Man beachte die Frisuren.
Das Haus, das wir wurden
1981 beschlossen meine Eltern zu bleiben. Viele Gastarbeiter gingen damals zurück. Meine Eltern kauften ein Haus.
Einen Kredit gab es kaum — die Zinsen waren zu hoch. Also sparten sie. Das Ziel: jeden Monat 500 Deutsche Mark zurücklegen. Das klappte selten. Irgendetwas kam immer dazwischen. Sie mussten kreativ sein, hartnäckig, und sehr gut darin, aus wenig viel zu machen.
Mein Bruder und ich durften ab der Grundschule in diesem Haus aufwachsen. Nicht groß. Aber mit eigenen kleinen Zimmern. Das war nicht selbstverständlich.
Ich war kein guter Schüler. Ich war ein lebendiger Junge — was ein freundlicher Ausdruck für „schwer stillzuhalten" ist. Ich hatte Freunde, ich kam zurecht. Und es gab Lehrer, die in mir mehr sahen als die Note. Die erkannten, dass hinter der Lebendigkeit etwas steckt. Diese Menschen haben etwas in mir bewegt.
Im Gymnasium kamen wir über Freunde zum Kanuslalom. Und damit in einen Verein. Das Vereinsleben und der Leistungssport wurden zu einem prägenden Teil meines Lebens — und haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin. Was der Kanuslalom wirklich bedeutet hat, erzähle ich im noch kommenden Kapitel über den Sport.
Die Schule schloss ich ab. Der Kanuslalom war mein Fokus. Ehrlich gesagt erkannte ich damals nicht viel Sinn in den Lehrinhalten. Ähnlich wie heute, übrigens.
2000 schloss ich meine Physiotherapie-Ausbildung erfolgreich ab. Sport und mit Menschen arbeiten — das war genau mein Ding. Und dann kam der Personal Computer in mein Leben.
Ich war fasziniert. Diese Welt aus Logik, gepaart mit digitaler Kreativität — das war kein Job. Das war eine Berufung. Also entschied ich mich direkt danach fürs Informatikstudium.
Nebenbei hatten wir 1997 beschlossen, eine Kneipe zu kaufen.
Das Beisl — Zweibrückens beste Gaststätte.
„Zum Beisl". Bitburger. Paulaner. Und ein Schild, das 15 Jahre lang geleuchtet hat.
Es war die Stammkneipe meines Bruders. Sie war zu haben. Das war kein langer Entscheidungsprozess.
Am 6. Juni 1998 öffneten wir. Mein Bruder war 24 Jahre alt. Ich war 21. Man sollte mit 21 vielleicht keine Kneipe aufmachen. Aber wenn man es tut, dann so wie wir: Es lief vom ersten Tag.
Wir rockten das Ding. Wir bauten einen Biergarten. Wir richteten einen Festsaal ein. Wir waren Pioniere des Public Viewings — bevor Public Viewing ein Begriff war, den jeder kannte. Wir machten Dinge, weil sie sich richtig anfühlten, nicht weil sie in einem Konzeptpapier standen.
Die Aufgabenteilung entstand organisch, wie bei allem, das wirklich funktioniert: Mein Bruder übernahm die Finanzen. Meine (spätere) Frau und ich kümmerten uns um Betrieb und Personal. Meine Mutter war Küchenchefin. Mein Vater war offiziell Hausmeister — und wurde über die Jahre zum eigentlichen Gesicht des Beisls.
Irgendwann kamen viele Gäste nicht mehr wegen des Bieres. Sie kamen, um Camilo zu besuchen.
Das Beisl-Team an Fasching. Links: ich. Rechts neben mir: ein guter Freund. Kostüm: Zuhälter aus den Siebzigern. Wir haben das sehr ernst genommen.
2013 hatten wir beide eigene Familien. Wir verpachteten.
Erster Pächter: kein Erfolg.
Zweiter Pächter: Insolvenz.
Ich wollte nicht, dass das Beisl einfach zugesperrt wird. Ein laufender Betrieb ist beim Verkauf mehr wert als ein leeres Lokal. Also bereitete ich in zehn Tagen alles vor und zog es selbst wieder hoch. Wir waren wieder erfolgreich. Die Stammgäste freuten sich. Wir freuten uns auch.
Aber es war eine andere Zeit. Ich hatte meine Führungsposition im Job, meine Rolle als Kanu-Trainer, meine Familie. Zu viele Baustellen, um eine noch zu bedienen. 2019 schlossen wir das Beisl.
Es wird nicht mehr öffnen. Es ist heute ein Wohnhaus.
Simone — oder: Der Mensch, ohne den das alles nicht funktioniert hätte
Ich hatte erwähnt, dass ich meine Frau im Beisl kennengelernt habe.
Ich war verantwortlich für die Dienstpläne. Man versteht sich.
Simone war genau der Mensch, den ich in diesem Leben brauchte. Ich bin kreativ, extrovertiert, und — gelinde gesagt — nicht sonderlich gut darin, ein zivilisiertes Leben zu führen. Simone ist das, was Physiker einen Gegenpol nennen würden. Das ergänzte sich. Perfekt. Sie hat das von Anfang an gewusst. Ich glaube, ich habe es erst später begriffen.
In den Jahren, in denen ich nach dem Studium anderthalb Jahre in Frankfurt arbeitete, kümmerte sie sich alleine um den gesamten Betrieb. Das ist keine kleine Sache. Das ist eine große Sache, die ich nie vergessen werde.
2008 heirateten wir. Wir gründeten eine Familie.
Eltern sein ist eine der herausforderndsten Erfahrungen, die man als Mensch machen kann. Das sagen alle. Alle haben recht.
London, 2024. Simone, ich, Alva und Smilla — die Kinder, die uns nicht mehr für jeden Schritt brauchen. Was gut ist. Meistens.
Heute, im Jahr 2026, sind Alva 16 und Smilla 12 Jahre alt. Sie brauchen ihre Eltern nicht mehr für jeden Schritt. Das ist schön. Und ein bisschen seltsam gleichzeitig. Man gewöhnt sich an beides.
Es gibt wieder Zeit für Hobbies. Für die Beziehung. Für das eigene Leben.
That's my story so far.
Ich freue mich auf deine GeschichteWeitere Kapitel folgen: