Kanuslalom

Das Wasser zieht einen nicht los. Auch wenn man aufhört.

01 Der Anfang

Thomas Danner

Ich bin Kanufahrer, seit ich 8 bin. Das verdanke ich Thomas Danner.

Thomas war ein Schulfreund meines Bruders. Er nahm ihn mal mit. Und so wurde das Ganze ein Sport für unsere Familie. Keine große Entscheidung. Kein geplanter Weg. Einfach mitgehen. Und dann nie wieder aufgehört.

Zuerst war es nur Spaß. Wasser, Paddel, Strömung. Mehr brauchte es nicht.

Kanuslalom im Wildwasser mit Slalomtoren

Kanuslalom. Wildwasser, Tore, Sekunden. So fing es an.

02 Mit 10

Die Loire

Im Sommer fuhren wir als Familie an die Loire. Eine Woche, mit Kanus auf dem Fluss.

Das Zeltgepäck wurde von einer Organisation täglich an den nächsten Ort gebracht. Wir waren mit den Kanus unterwegs. Täglich 20 bis 30 Kilometer. Ich war 10.

Auch meine Eltern waren dabei. Im Paddeln nicht so erprobt wie wir. Dafür konnten sie abends mit ihrem Spanisch, Händen und Füssen und der romanischen Sprachverwandtschaft erstaunlich gut kommunizieren.

Es war eine dieser Reisen, an die man sich sein Leben lang erinnert. Nicht wegen eines bestimmten Moments. Sondern wegen allem zusammen.

Junge Angel mit Freunden im gelben Kanu auf der Loire

Loire. Gelbes Kanu. Ich bin 10. Wir winken, weil wir können.

03 Leistungssport

Wettkampf & ein Olympiasieger

Parallel zum Spaß startete der Wettkampfsport. Bereits im zweiten Jahr fuhr ich meine ersten Siege ein.

Angel Perez Valence als Kind auf dem ersten Platz-Podest beim Kanuslalom

Platz 1. Die erste Siegerehrung. Irgendwann war das normal.

In manchen Jahren war ich in meiner Altersklasse konkurrenzlos. In den anderen Jahren war da Thomas Schmidt — ein Jahr älter. Ich schaffte es einfach nicht, an ihn ranzukommen.

Ich hatte schnell meinen Frieden damit geschlossen.

Thomas Schmidt wurde im Jahr 2000 in Sydney Olympiasieger.

Mehr muss ich dazu nicht sagen.

Zwischen Grenzen — Album Cover
♪ Track 08 · Alternative Rock
Platz zwei

Platz eins nie — wegen Thomas. Dreißig Jahre später standen wir beide als Trainer am Ufer. Jetzt als Lied.

Siegerehrung Kanuslalom — Angel Perez Valence auf Platz 2, Kanu-Club Zweibrücken

Siegerehrung. Kanu-Club Zweibrücken. Platz 2. Thomas Schmidt war wieder mal nicht dabei.

Zu meinen Hochzeiten im Jugendalter trainierte ich zehnmal die Woche. Eine Einheit davon bereits vor der Schule.

Und es ging nicht nur ums Paddeln. Von Februar bis Oktober waren wir auf Regatten und Trainingslagern. Quer durch Deutschland, manchmal weiter. Das Wasser war überall.

2018 trafen wir uns wieder — als Trainer mit unseren Kindern auf einer Regatta. Dreißig Jahre später.

Angel Perez Valence und Thomas Schmidt 2018 als Trainer auf einer Regatta

2018. Thomas Schmidt und ich. Diesmal auf derselben Seite der Regatta.

04 Freundschaft

Freundschaft & Freiheit

Mein Hauptfreundeskreis waren meine Kanufahrer-Konkurrenten.

Bis heute ist mein bester Freund dort entstanden. Simon Themen. Er hat eine Familie, ich auch. Der Kontakt ist weniger geworden. Und er wohnt über 100 km entfernt. Aber manche Freundschaften brauchen keine Frequenz, um zu bleiben was sie sind.

Es war eine so freie Zeit. Keiner hatte Anforderungen an uns. Wir machten einfach unser Ding. Unsere Trainer wussten, dass wir trotz des ganzen Spaßes immer fokussiert auf unsere Wettkämpfe waren.

Freunde im Kanusport — Lachen, Sommer, Campingplatz

Irgendein Campingplatz. Irgendeine Regatta. Immer diese Menschen.

Mit 19 kam meine erste richtige Freundin. Der Kanusport stellte sich hinten an.

So geht das manchmal.

2008

F.I.T. — Freizeit ist Tücking

2008 rief das SWR an.

Die Sendung hieß F.I.T. — Freizeit ist Tücking. Moderatorin Sandra Tücking, der Comedian Bodo Bach und ein Fitness-Experte wollten den Kanuslalom kennenlernen. Ich durfte ihnen den Sport einen Tag zeigen.

F.I.T. — Freizeit ist Tücking, SWR Sendung mit Sandra Tücking

F.I.T. — Freizeit ist Tücking. SWR.

Der Drehtag ging länger als geplant. Irgendwann stellte sich heraus, dass der beste Ort für die Abschlussinterviews in der Nähe war: das Beisl. Wir landeten also mit der ganzen Crew im Familienlokal.

Das war ein besonderer Tag. Nicht weil man im Fernsehen war. Sondern weil man merkte, dass der Sport den man liebt, auch anderen zeigen kann, was daran so schön ist.

F.I.T. Crew mit Angels Familie vor dem Beisl in Zweibrücken 2008

Abschluss vor dem Beisl. Die F.I.T.-Crew, meine Familie. Ein langer, guter Tag.

05 Der Trainer

Zurück ans Wasser

Im Kanuverein war irgendwann immer weniger los. Mit Mitte 20 entschied ich mich, das nicht so stehen zu lassen.

Ich wollte, dass andere junge Menschen das erleben dürfen, was ich erlebt habe. Ich wurde Trainer.

Zusätzlich zu meinen eigenen Erfahrungen und Trainingsplänen konnte ich meine Kenntnisse aus dem Sportleistungskurs, der Trainerausbildung und der Physiotherapie zusammenbringen. Sich neue Spiele auszudenken, neue Trainingsformen zu entwickeln und zu sehen, wie die Kids Spaß hatten und vorankamen — das war großartig.

Angel Perez Valence als Kanutrainer mit jungen Athleten am Wasser

Trainer. Boote, Kinder, Wasser. Genau der richtige Ort.

06 Die schönste Zeit

Familie Jung & Britta

Dann kam Familie Jung. Eine Familie mit vier Söhnen — und später noch einem Mädchen. Die Mutter war Kanutin.

Nach ersten Spielereien entschieden wir gemeinsam, den Sport zu intensivieren. Das wurde die schönste Zeit als Trainer. Um Familie Jung bildete sich eine größere Gruppe, in der sich jeder wohlfühlte und einbrachte. Während ich mich mit meinen Trainerkollegen auf den Sport fokussierte, kümmerten sich die Eltern ums Drumherum.

Die jüngeren Kinder hatten natürlich Vorteile — sie waren von kleinauf dabei. Die jüngsten Söhne Ulf und Holger schafften es in die Jugend-Nationalmannschaft. Niels war kurz davor. Erik war im Mittelfeld der Jugend-Rangliste — was für sich genommen schon eine Leistung ist, die nicht viele erreichen.

Ulf Jung beim Kanuslalom am Eiskanal Augsburg

Ulf Jung — Jugend-Nationalmannschaft — am Eiskanal Augsburg. Einer der Jungs aus Familie Jung.

Die Kinder sind nun alle erwachsen. Vor einigen Jahren rief mich Erik aus dem Nichts an und bedankte sich für alles, was ich ihm ermöglicht hatte — für ihn und seine Brüder.

Ich machte das alles gerne. Aber es ist schön zu hören, dass ich meine gute Zeit auch anderen ermöglichen konnte.

Es ist schön zu hören, dass ich meine gute Zeit auch anderen ermöglichen konnte.

Das Küken der Familie, Britta, ist heute 16 und seit zwei Jahren in der Jugend-Nationalmannschaft. Sie ist eines der größten Talente Deutschlands. Ich selbst hatte dazu nur noch wenig beigetragen — maximal dadurch, dass ich ihre Brüder befähigt habe, sie zu unterstützen.

Manchmal reicht das.

07 Alva, Smilla & 2024

Meine eigenen Kinder & das Ende des Trainings

Irgendwann wurde ich auch selbst Vater. Ich wollte meine Kinder nicht zwingen, denselben Sport zu machen.

Aber ich nahm insbesondere Alva als Kind immer wieder mit. Zelten, Abenteuer, Wasser — das ist großartig für Kinder. So begannen wir auch bei ihr mit dem Training. Sie war gut, hatte schon ihre ersten Wochenenden beim Landeskader.

Dann kam Corona. Breitensport war nicht mehr möglich. Nur noch einzelne Talente konnten gefördert werden, Gruppentraining fiel weg. Als es wieder Regatten gab, mussten die Vereine unter sich bleiben — und es waren nur noch die Hochtrainierten da. Alva sah den Erfolg ihrer Arbeit nicht mehr. Die Konkurrenz war nicht die Altersklasse, sondern die, die durch Corona hindurchtrainiert hatten.

Das zweite war die Angst. Kanuslalom findet im Wildwasser statt. Wenn man mit dem Kanu umfällt, sieht man nur braune Brühe und das Wasser schiebt und drückt. Das ist unangenehm — und für viele Kinder ein Schock. Manche überwinden es. Alva hat diesen Punkt nicht erreicht. Wenn Angst da ist, kommt man schnell an seine Grenzen.

Smilla war auch ein wenig im Training. Aber da war die Gruppe schon auseinandergebrochen. Smilla war ohnehin noch nie ein Wettkampftyp. Sie ist sportlich — mag es aber nicht, sich zu messen.

2021 war unser letzter gemeinsamer Kanuurlaub. Schladming, Enns, leichtes Wildwasser. Alva und Smilla hatten ihren Spaß — auch wenn der Kanuslalom irgendwann kein Weg mehr für sie war.

Alva und Smilla in Kayaks auf der Enns bei Schladming 2021

Alva und Smilla. Enns bei Schladming. 2021. Das Wasser hat beide erwischt.

2024 entschied ich, mein Training abzustellen. Es waren ein paar Sportler da. Aber niemand, der wirklich vorankommen wollte. Es war eher ein netter Zeitvertreib einmal die Woche — und nur dann, wenn man nichts Besseres zu tun hatte.

Ich weiß, dass ich mir auch eine neue Gruppe hätte aufbauen können. Schulen ansprechen, den Verein vorstellen, Talentsichtungen machen. Aber nach Corona waren viele Kinder und Jugendliche nicht mehr für Vereinssport zu begeistern. Eigentlich schade. Aber die Zeiten ändern sich eben.

2021 · Ein Highlight

Tante Magret

Die Familie meiner Frau Simone pflegt seit Kriegszeiten eine Freundschaft mit einem Ort in Franken — Betzenstein — und einer Familie Otto. Generationen vergingen. Die Freundschaft blieb.

Als ich 2010 Tante Magret kennenlernte, war sie Anfang 70. Wenn ich vom Kanufahren erzählte, war sie begeistert. Und sie sagte immer, dass sie das auch gerne einmal machen würde.

2021 war sie über 80. Wir besuchten sie, und ich fragte, ob wir das nun noch angehen sollten.

Sie war direkt dabei.

Der Kanuverleih war skeptisch. Eine Dame über 80 ins Kanu setzen — das hatten sie so noch nicht gemacht. Mit meiner Erfahrung und ein paar Erklärungen ließen sie es schließlich zu.

Es war ein unvergessener Tag. Für Tante Magret wurde ein Traum erfüllt. Für uns alle war es ein Geschenk.

Tante Magret mit über 80 Jahren im Kanu auf der Wiesent in Franken, 2021

Tante Magret. Über 80. Wiesent, Franken. Ein Traum, der wahr wurde.

Manchmal ist der beste Grund, nochmal ins Kanu zu steigen, jemand anderes.
08 Heute

Pause oder Abschluss?

Bis vor zwei Jahren war ich noch manchmal mit Freunden Wildwasser fahren. Ötztal. Soča. Vorderrhein.

Die Soča in Slowenien — türkisblaues Wildwasser mit Hängebrücke

Die Soča. Türkisblau wie nirgendwo sonst. Schöner geht es kaum.

Aber ich habe mich auch dort entschlossen aufzuhören.

Du hast einen Riesenaufwand für 45 Minuten Spaß am Tag. Boote laden, an die Orte fahren, den Autotransfer vor Start und nach Ziel — das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Und wenn das Wetter dann noch mäßig ist, konnte ich mich nicht mehr begeistern.

Adrenalin war da schon lange nicht mehr das Thema. Das Wildwasser, das wir in unserem Fitnesszustand fahren, erzeugt keinen Kick. Schwierigeres sollte man nur tun, wenn man trainiert und fit ist. Und wenn es um die Landschaft geht: Beim Wandern habe ich davon deutlich mehr.

Du hast einen Riesenaufwand für 45 Minuten Spaß am Tag.

Ich kann mir aber vorstellen, Kanutouren zu machen. Einmal um Mallorca mit leichtem Gepäck — das wäre ein schönes Abenteuer. Ruhiges Wasser, Landschaft, kein Zeitdruck.

Seekajak in türkisblauem Wasser vor Felsküste — Mallorca oder Calanques

So könnte es aussehen. Seekajak, türkisblaues Wasser, Felsenküste. Einmal Mallorca.

Mal schauen, ob Kanu und ich nur eine Pause machen — oder ob es ein abgeschlossener Abschnitt meines Lebens ist.