Perpignan bis Montpellier
250 Kilometer Mittelmeerküste zu Fuß. Acht Tage, ein Rucksack, viele Begegnungen. Null Blasen.
Von der spanischen Grenze bis Montpellier
Perpignan · Leucate · Port-la-Nouvelle · Gruissan · Sérignan Plage · Agde · Frontignan · Montpellier. Entlang der Languedoc-Küste am Golfe du Lion.
Die Idee war denkbar einfach. Rucksack. Zug nach Perpignan. Dann zu Fuß ans Meer und die Küste entlang bis Montpellier. Kein fixer Plan, kaum gebuchte Unterkünfte.
So weit die Theorie.
Chaos auf Schienen
06:58 Uhr. Zweibrücken. Der Zug nach Saarbrücken hatte bereits Verspätung.
Der Zug nach Saarbrücken hatte Verspätung. Natürlich.
Anfangs schien noch alles machbar. Dann wurde es eng. Dann rief ich meinen Bruder an. Dann meine Eltern. Dann fuhr mein Vater mich zum Bahnhof. Mit 47 Jahren hat mich mein Vater gerettet. Mit dem Auto. Den Fernzug nach Paris habe ich noch erwischt.
In Paris: fünfzig Minuten Umstiegszeit, Gare du Nord nach Gare de Lyon. Das ist nicht um die Ecke. Metro, Tickets kaufen, falsche Richtung, Menschenmassen, Uhr im Blick. Zehn Minuten vor Abfahrt saß ich im richtigen Zug Richtung Süden.
Die Küstenebene südlich von Perpignan. Flacher als erwartet. Weiter als geplant.
16:30 Uhr: Perpignan. Und direkt los. Es sollten zwölf Kilometer bis ans Meer sein. Es wurden dreißig. Die Getränke gingen unterwegs aus. Ein Supermarkt rettete die Situation. Eine Bäckerei kurz vor Ladenschluss das Abendessen. Drei kleine Hunde verfolgten mich bellend ein Stück des Weges. Ich kann es ihnen nicht verdenken.
20:57 Uhr. Das Meer. Es war dunkel. Ich hatte noch keine Unterkunft.
Das Rettungshäuschen am Strand wäre eine Option gewesen, aber der Wind machte es unmöglich. Ein kleines Zwei-Sterne-Hotel löste das Problem. Tag eins: geschafft.
40 Kilometer Vernunft
Morgens. Hôtel de la Plage. Frühstück mit Rentnern. Kein Luxus — genau richtig.
Frühstück mit Rentnern. Einfache Untersetzer, eine Stimmung wie bei McDonald's ohne den Lärm. Ich meine das nicht negativ.
Dann: Leucate. Eigentlich das Tagesziel, dreizehn, vierzehn Kilometer, ein entspannter Tag. Die Stimmung dort sagte mir nicht zu. Windig, wenig Menschen, der Ort wirkte wie in einer anderen Zeit stehen geblieben.
Ich bin weitergegangen.
Daraus wurde eine Vierzig-Kilometer-Etappe. Port-la-Nouvelle. Ein-Sterne-Hotel. Eine Pizzeria mit guten Bewertungen — ich dachte, ich könnte zwei Pizzen essen. Ich schaffte kaum eine. Das Einschlafen klappte dafür sofort.
Keine Blasen. Das war das Wichtigste.
Die Landzunge
Die Landzunge zwischen Étang de Bages und Mittelmeer. Rechts das Meer, links Hügel. Einer der schönsten Abschnitte der gesamten Tour.
Komoot hatte angekündigt: elf Kilometer geradeaus diesem Kanal folgen. Ich dachte: uiuiui.
Dann öffnete sich die Landschaft. Eine Landzunge zwischen Étang de Bages und dem Mittelmeer. Rechts das Meer. Links kleinere Hügel und ein Bach. Rinder am Ufer. Ruderer auf dem Wasser. Es sah ein bisschen aus wie ein Naturfilm, der zu schön für ein Kino ist.
Die Landzunge. Wasser links, Meer rechts. Solche Wege verdient man sich.
Daniel aus Girona. Auf dem Weg nach Norwegen. Vielleicht.
Einen der Radfahrer sprach ich an. Daniel aus Girona, erst wenige Tage unterwegs. Ziel irgendwo Richtung Norwegen — er wusste die Route noch nicht genau. Vielleicht sei das seine letzte Chance für so eine Reise, bevor das Thema Familiengründung ernst werde. Er sagte das ohne Drama. Wir machten ein Foto und radelten auseinander. Ich hoffe, er ist irgendwo angekommen.
Gruissan. Kanal, Palmen, mediterrane Stille.
In Gruissan legte ich mich an den Strand. Eine Frau aus Narbonne verlor ihren Sonnenschirm an den Wind, während sie im Wasser war. Ich rettete ihn, legte ihn zusammen. Sie kam zurück, schaute verwundert und fragte wahrscheinlich innerlich, wer dieser Mann mit dem Rucksack ist. Daraus wurde ein einstündiges Gespräch.
Abends: langer Hafen, viele Schiffe, eine Promenade die sich zieht. Burger und Pommes. Der beste Tag bisher.
André, die Fähre und der Uber
Massif de la Clape, nördlich von Narbonne. Türkisfarbenes Wasser, weißer Kalkstein. Die Mücken fanden es ebenfalls schön hier.
Morgens ein Planungsfehler in Komoot. Ein versehentlicher Wegpunkt ließ die Strecke riesig wirken. Nach dem Fix: sieben Kilometer. Also kurzerhand noch eine 27-Kilometer-Etappe dran. Airbnb storniert, Gastgeberin verständnisvoll.
Der Bergsee im Massif de la Clape war wunderschön. Die Mücken sehr präsent. Irgendwann fingen die Fußsohlen an zu schmerzen. Ich begann zu joggen. Linkin Park auf den Ohren. Matschige Salzfelder. Stacheldrahtzaun. Privatgrundstück. Das steht so in keinem Wanderführer.
Valras-Plage. André, 90 Jahre. Und sein Hund.
In Valras-Plage fand ich eine Bank mit Schatten. Die einzige weit und breit. Ich setzte mich. Kurz darauf fragte jemand, ob er sich dazusetzen dürfe. André. Neunzig Jahre alt. Er saß jeden Tag auf dieser Bank. Wir wussten beide, wie wertvoll der Schatten ist — jeder aus seinen eigenen Gründen.
Er war aus Belgien. Zur Rente mit seiner Frau ans Mittelmeer gezogen. Sie war vor einigen Jahren gestorben. Jetzt war er jeden Tag mit dem Hund unterwegs. Er sprach ohne Bitterkeit darüber. Einfach so, als würde er das Wetter beschreiben.
Das war meine letzte Pause des Tages. Drei Kilometer noch bis zum Kanal. Dreißig hatte ich schon in den Beinen.
Der Kanal in Valras-Plage. Links mein Ziel. Der direkte Weg: gesperrt. Der Umweg: 12 Kilometer.
Am Kanal: keine Brücke. Keine Fähre. Ich fragte Passanten. Die Fähre fahre nur in den Sommerferien, erklärten sie. Die beginnen in einem Monat. Die nächste Brücke wäre noch einmal über zehn Kilometer Umweg gewesen. Ich versuchte Bootsbesitzer im kleinen Hafen zu überreden, mich kurz rüberzufahren. Niemand wollte. Ich überlegte ernsthaft, ob Schwimmen eine Option sei. Mit Rucksack. Das wäre eine andere Art von Geschichte geworden.
Am Ende rief ich ein Uber.
Darf man das als Fernwanderer? Ich weiß es nicht. Die Ethik dieser Sportart ist mir nicht abschließend klar. Es fühlte sich seltsam an. Wie schummeln bei einem Prüfung, die man sich selbst gestellt hat. Ein Tesla Model X brachte mich nach Sérignan Plage.
Sérignan Plage. Per Tesla. Abends: Spaghetti Bolognese auf der Terrasse, Relegation Elversberg gegen Heidenheim. Heidenheim hat gewonnen.
Pause
Sérignan Plage, blaue Stunde. Erster Tag seit Langem ohne Rucksack.
Ein Ruhetag. Pain au Chocolat im Dorf. Hörbuch am Meer. Rückreise umgebucht, etwas früher nach Hause.
Das Spa namens „Balneo" ließ mich zunächst nicht rein. Irgendwann hat es dann doch geklappt. Massagedüsen. Sehr zu empfehlen nach hundertfünfzig Kilometern.
Abends: Quizabend auf dem Campingplatz. Allgemeinwissen — elf von zwölf richtig. Den ersten Disney-Film tippte ich falsch. Bambi. Korrekt wäre Schneewittchen gewesen. Das werde ich nicht vergessen.
Cedric reist mit.
Das Bild im Geldbeutel ist Cedric. Cedric war mein Kanuschüler. Er hat sich ein Jahr zuvor das Leben genommen. Er kam leider nicht damit zurecht — trotz der Liebe seiner Eltern, trotz vieler Menschen die für ihn da waren.
Man sagt, ein Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr über ihn redet oder an ihn denkt. Cedric hat mir den Stoß gegeben, Erlebnisse nicht nur zu planen, sondern sie tatsächlich zu tun. Deswegen bin ich hier.
Er reist jetzt mit mir.
Vor dem Morgengrauen
5:18 Uhr. Der Campingplatz schläft noch. Ich war schon unterwegs Richtung Agde.
5:15 Uhr. Noch dunkel. Los. Irgendwo auf dem Weg kam der Sonnenaufgang. Schöne Fotostellen: kaum. Hauptsächlich Kanal.
Agde. Der Hérault, die alte Brücke, die Kathedrale aus schwarzem Basalt. Eine Stadt die anders aussieht als erwartet.
10:45 Uhr: Agde. Eine der ältesten Städte Frankreichs — gegründet von griechischen Kolonisten, gebaut aus dem schwarzen Basalt des nahen Vulkans. Das sieht man. Abends: Salat und Wraps. Früh schlafen.
Sète und zwei Burger
Morgens am Strand. Kurz danach beginnt der Lido de Sète à Marseillan.
Erst fester Sand, angenehmes Gehen. Dann der Lido de Sète à Marseillan — die schmale Landzunge zwischen Mittelmeer und Étang de Thau. Jogger. Radfahrer. Viel Betrieb für Vorsaison.
Sète selbst: lebendig, Restaurants, Promenaden, ein Hafen der nach Hafen riecht. Ruderer auf dem Kanal. Bei einem Zweier-Boot trug einer ein deutsches Trikot. Man findet sich überall.
Frontignan. Das Zimmer hatte mehr Persönlichkeit als viele Menschen. Gastgeberin nicht da — ich hatte die Wohnung für mich.
Frontignan. Christi Himmelfahrt. Alles geschlossen. Die verwinkelten Gassen der Altstadt machten die Orientierung schwierig — und die Geschäfte waren eh zu. Ein Supermarkt hatte auf.
Später: „Pasta & Burger". Keine Pasta mehr. Der Besitzer, in Frontignan geboren, marokkanische Wurzeln, Franzose. Wir kamen ins Gespräch darüber, wie er marokkanische Wurzeln hat, aber Franzose ist — ähnlich wie ich spanische Wurzeln habe und in Deutschland geboren bin. Zwei Burger mit Pommes. Das Beste, was ich auf dieser Reise gegessen habe.
Montpellier und danach
Frontignan, letzter Wandertag. Müde. Bereit.
Bergwege Richtung Montpellier. Erstmals andere Wanderer unterwegs.
Diesmal nicht an der Küste. Durchs Landesinnere, zwei Bergabschnitte, erstmals echte Wanderwege, erstmals andere Wanderer. Blumen überall entlang des Weges. Irgendwann führte der Weg durch einen flachen Bach — kalt, klar, sehr willkommen nach so vielen Kilometern. Danach: Pause, Schuhe aus, Füße sorgfältig trocknen. Nasse Füße in den Schuhen bedeuten Blasen. Das lernt man einmal. Die letzten neun Kilometer dann: Vororte Montpellier, Betonkanten, Ampeln.
Hotelzimmer ab 16 Uhr. Also: Einkaufszentrum Le Polygone, durch die Stadt schlendern, kleine Kunstläden in der Altstadt. Die Stadt gefiel mir gut. Sie hat etwas Lebendiges, das nicht gespielt wirkt.
Irgendwo in den Hügeln hinter Frontignan. Der Weg führte durch den Bach. Erholsam. Und nach hundert Metern das obligatorische Halt: Schuhe aus, Füße trocknen. Sonst Blasen.
Montpellier bei Sonne. Die Stadt hat Energie.
Abends: französischer Film geplant. Es lief Mission Impossible im englischen Original mit französischen Untertiteln. Mir war das lieber.
Am nächsten Morgen: Heimreise. Zug Paris. In Paris fiel der Anschlusszug nach Saarbrücken wegen technischer Probleme aus. Ich improvisierte: Straßburg, Regionalbahn Offenburg, Mannheim, Saarland. Die Rückreise kostete mich am Ende über dreihundert Euro extra.
Die Deutsche Bahn weigert sich bis heute, das Geld zu erstatten. Ich habe es abgeschrieben. Es gibt Dinge, die man nicht gewinnt. Es gibt Monopole, gegen die man nicht ankommt. Und dann gibt es das Mittelmeer.